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Scheiße. Manchmal.

Ich hatte euch neulich davon berichtet, dass ich mein Cabrio wieder auf die Straße gebracht habe - und für mich die neue Saison eingeleitet. Nice. Nun verhält es sich aber so, dass mein Cabrio 1, was eine gewisse Zeit mein "Hauptwagen" war, schon länger nicht mehr ausreichte. Er ist zwar günstig im Unterhalt, es passen zwei Personen hinein und gegebenenfalls auch mal drei Kisten Bier und oft braucht es auch nicht mehr, aber manchmal eben schon.

Und dann habe ich mir letztes Jahr einen neuen, praktischeren, etwas größeren Wagen zugelegt und hatte vor, den Roadster zu verkaufen. Ich benötige hier in der Stadt kaum ein Auto, geschweige denn zwei. Ich hatte also parallel zur Suche nach dem neuen Auto bereits ein Inserat für den Roadster geschaltet und befand mich in diversen Kommunikationen, oft weiß man wie so was abläuft - es kostet Energie und Nerven. Aber da ich keine Not hatte, eilte es nicht. Irgendwann hatte ich dann mein gesuchtes Auto in der gewünschten Farbkombination gefunden und schlug zu, für den Roadster hatte ich nämlich auch schon einen Käufer der sich geduldig zeigte und das Gefährt abholen wollte, wenn es soweit ist. Ein Auto gekauft, ein Auto verkauft, perfekt.

Aber als es "soweit war" und ich ihn kontaktierte, wurde es schwierig. Er wollte aus der Ferne anreisen und hatte niemanden, der das mit ihm erledigen könnte. Also wäre nur eine Zugfahrt möglich gewesen, ich hätte ihn vom Bahnhof abholen müssen und zu guter letzt, er hat mein Auto zu diesem Zeitpunkt noch nie in Wirklichkeit gesehen, hätte er es angemeldet überführen wollen. All das fand ich ziemlich schwierig und wollte mich nicht darauf einlassen, vor allem angemeldet übergeben. Noch dazu glaubte ich nicht, dass er nicht doch noch verhandeln würde und dann wäre das karge Geld noch stärker geschmälert. Und nach einigen Wochen der so gearteten Konversation versandete die Sache, sodass ich ohne Käufer, aber mit zwei Autos, da stand. Ich war auch froh darüber denn der Chat, nicht mal ein Telefonat kam zustande, belasteten mich und ich ahnte schon, was mir nach dem Verkauf durch solcherlei Käufer noch für Stress drohen könnte. Ich melde den Roadster ab und stellte ihn auf dem Gelände der Werkstatt meines Vertrauens unter, dort kann man auch eine kleine Probefahrt machen und inserierte den Wagen erneut.

Aber dann war der Herbst schon da und die dachfreie Saison neigte sich dem Ende. Dementsprechend gab es auch keine richtigen Angebote und Anfragen mehr, nur noch Mist. Und wir reden hier nicht über viel Geld, aber die Leute erwarten einen Neuwagen. Was ich da erlebt habe, wäre einen eigenen Artikel wert. Ich wollte zu jener Zeit auch nie wieder etwas bei Kleinanzeigen verkaufen und ahnte schon, dass es vor dem Winter nichts mehr werden würde. Und so kam es auch.

Der Wagen wurde abgemeldet und stand angemessen. Alles cool, dachte ich. Und im neuen Jahr würde ich ihn wieder anmelden, selber ein bisschen cruisen und dann verkaufen, weil ein angemeldetes Auto definitiv attraktiver ist, als ein Parkplatz-Roadster bei dem man die Katze im Sack kauft, wie man sagt. Ich hatte natürlich immer auch ein bisschen Grummeln und Bedenken, wie sich der Mercedes über die Zeit hinweg entwickelt haben könnte, also ob Rost ein Thema wäre und ob alles noch funktioniert wenn ich ihn wieder erwecke.

Selbstverständlich dauerte alles ein bisschen länger und so kam ich erst viel später zur Anmeldung in diesem Jahr. Im April. Um so erfreuter war ich dann, als ich die Nummernschilder 04/09 hatte (dieser Zeitraum sollte zum Cruisen und Verkaufen reichen) und den Wagen wieder in Augenschein nehmen konnte. Ich war erfreut, er sah kaum anders aus als Ende letzten Sommers, sprich der Rost hatte nicht geblüht und es war kein Schimmel am Teppich oder sonstwo aufgetreten - und auch technisch schien noch alles zu funktionieren. Schien, aber ich spoilere. Also steckte ich die Nummernschilder an, quatsche ein bisschen mit dem Werkstatt-Besitzer und hatte geplant, an diesem schönen Sonnabend eine ausgiebige Probefahrt zu machen und in die Waschanlage zu fahren um ihn heraus zu putzen - für neue Fotos, für neues Strahlen.

Die Fahrt durch die Stadt, ganz gediegen und entspannt, sollte erst mal zur Tankstelle führen, klar, alter Sprit diesdas. Bei den Kraftstoffpreisen hielt ich es für eine angemessene Idee, den Wagen nur ca. halbvoll zu tanken. Gesagt-getan. Aber nach der Bezahlung sprang die Karre nicht mehr an. Es gab eine Fehlzündung oder zwei, der Anlasser leierte durch und das wars. So hatte ich es noch nie gehört. Im ersten Moment war mir das unfassbar unangenehm, an der Zapfsäule liegen geblieben zu sein, aber da die Preise so hoch sind war ich ohnehin der einzige dort. Nach einigen weiteren Versuchen sprang der Wagen an, um bei Betätigung des Gaspedals aber sofort wieder auszugehen.

Als das Auto dann doch endlich ansprang und dauerhaft lief, ließ ich ihn laufen, zur Sicherheit. Weil ich aber noch keine Idee hatte, was das Problem sein könnte, sah ich von einer Durchfahrt der Waschstraße ab.
Auch wenn man da drin nicht richtig liegen bleiben kann, so wollte ich mein Glück nicht herausfordern. Und verkaufen kann ich den Wagen auch nicht, wenn er so unzuverlässig läuft. Da der PKW einige Monate gestanden hatte, dachte ich an ollen Sprit als möglichen Grund bis hin zu einer angeschlagenen Batterie. Eine längere Fahrt mit etwas Vollgas kann also nicht schaden. Aber schon beim Weg zur Autobahn merkte ich, dass der Wagen nicht richtig fuhr. Er ging zwar nicht mehr aus und lief stabil, aber irgendwie lief er "wie auf Eiern". Wie ein Sack Nüsse sozusagen. Er erreichte auch seine Geschwindigkeit nicht, keine Autobahnraserei möglich. Ich stoppte meine Fahrt und googlete die Symptome. Luftmassenmesser. Okay. Auto wieder zum Hof der Werkstatt gebracht damit er beim Nichtstarten nicht mitten im öffentlichen Raum steht und einen neuen LMM bestellt. Der kam dann auch schon zwei Tage später und ich fuhr mit Schwälbchen, meinem alte MIFA-Fahrrad mit RENAK-Gangschaltung (ich fahre in Erfurt immer Rad) zum Schrauber und sprang in den Roadster.

mifa

Und was soll ich euch sagen, der Wagen lief. Und wie er lief! Ich cruiste durch die Stadt und auch der Tempomat, das elektrische Dach sowie die Klimaanlage funktionieren wieder korrekt. Wahrscheinlich gab es hier durch die vielen Fehlstarts und Spannungsabfälle eine "Verwirrung" der Steuergeräte oder sowas… egal. Ich fuhr also aus der Stadt hinaus und hin zur Autobahn, die unbegrenzt frei gegeben ist, um dort mal ordentlich Gas zu geben. Richtig loswummern. Und das ging. Das Auto beschleunigte in bekannter Manier auf knapp 240 und fühlte sich gut an. Man kennt ja sein Auto, man fühlt wie es läuft und man kann gut einschätzen, ob das im Grenzbereich in Ordnung ist oder etwas nicht stimmt. Es stimmte alles und mir war richtig kalt, denn ich hatte die Klimaanlage angelassen. Super. Ich brauste also mit Sonnenbrille, so wie der junge Rock'n'Roller Johnny 2, durch die Gegend und freute mich des Lebens. Der Tag war aber bereits in die Jahre gekommen und so fasste ich den Plan, den Autowagen zu hause zu parken und am nächsten Tag in die Waschanlage zu fahren und all das umzusetzen, was ich mir ganz ursprünglich für den Sonnabend vorgenommen hatte.

Da ich gern mal einen entspannten Spaziergang mache, spazierte ich später durch die Abendsonne und holte Schwälbchen, mein Fahrrad, zu Fuß wieder ab (10 Km). Großartig, dieses Leben. Bewegung, Roadster, Musik und Benzin.

Und dann kam der nächste Tag. Ich packte allerlei Unrat und andere Utensilien zum Saubermachen eines Autos ein, spazierte zur Stelle wo ich den Wagen abgestellt habe, die Sonne stand schon hoch am Himmel, öffnete und sprang hinein. Ich verschaffte mir noch mal einen Überblick über den Zustand des Wagens, endlich hatte ich nämlich Nerven und Kapazität fürs Putzen, nachdem alles vorher nicht so geklappt hatte wie geplant. Ich steckte also den Schlüssel in die Zündung, wackelte (so wie immer) ein bisschen am Lenkrad wegen der Wegfahrsperre und… es geschah nichts! Der Schlüssel war fest, ich konnte ihn nicht drehen. Er sprang nicht auf Stufe 1 (Zündung an) und hing offensichtlich mechanisch fest. Scheiße. Aber naja, ein altes Auto, ein altes Schloss - das ist doch wahrscheinlich normal. Google bestätigte dies, laß sich aber eher dystopisch, so wie Trump im Iran oder Putin und der Ukraine, weniger wie Janni der sein Auto verkaufen möchte. "Scheiße". Da standen Tipps wie "auf keinen Fall Öl oder WD 40 nutzen, weil das nämlich die feinen Abnutzungsspäne im Schloss verklebt und es total zerstört, aber Graphit wurde empfohlen. Also Graphitspray bestellt 3. Was soll ich sagen? Ich habe mir die Hände komplett schwarz gemalt, stundenlang über mehrere Tage in der Karre gesessen und versucht, das Schloss wieder gangbar zu machen und sehr viel geflucht, jener Tage. Sehr viel.
Denn im Netz standen Dinge wie "wenn man vorsichtig dies und das versucht, klappt es manchmal noch ein einziges mal im Leben und man kann noch mal starten…" usw., und die Hoffnungs stirbt ja zum Schluss. Mit der Schrottpresse. Aber es hat nicht funktioniert. 4

Also habe ich die Karre am Ende völlig entnervt auf Kleinanzeigen, als defekt mit kaputtem Schloss deklariert, inseriert. Und meinen Ärger niedergeschrieben. So wie hier. Auf jeden Fall meldeten sich alsbald Pfennigfuchser und Personen, die dachten der Wagen sei voll funktionsfähig. Arschlöcher. Als wenn ich mein Auto verschenken würde. Auf dem Bild brennt die Karre ja auch noch nicht und lesen ist offenbar keine der Allgemeinheit zustehende Fähigkeit. Ich musste also wieder sehr viel Energie in die Kommunikation stecken und versuchte nebenbei, jeden beschiss'nen Tag, das Schloss wieder gangbar zu kriegen. Denn wie gesagt, angemeldet und zugelassen ist das Auto, aber es steht auf einer Straße die Freitags von 8:00 bis 10:00 Uhr geräumt sein muss - bestimmt wegen der Straßenreinigung. Man kann es also nicht unendlich, sondern nur wenige Tage, dort stehen lassen. Na freilich. Weil das alles ja noch nicht genug ist.

Und dann meldete sich ein Pole. Er wollte das Auto kaufen. Er verhandelte und bot am Ende das meiste Geld. Und er organisierte einen Transport der das Auto mitnehmen sollte. Das ganze ging am Ende recht schnell und überholte sich selbst, aber es klappte.

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Ein Kollege mit Zugmaschine und Anhänger und zwei aufgeladenen PKW kam und wollte den Roadster mitnehmen. Offenbar fahren regelmäßig Kollegen mit solchen LKW durch Europa und sammeln kaputte Autos günstig ein, die sich dort noch zu Geld machen lassen. Aber der wusste nichts von den Schwierigkeiten. Nichts von einem defekten Schloss. Nichts von der daraus resultierenden Unmöglichkeit, das Auto zu lenken. Ich hatte immerhin zuvor noch die Automatik-Arretierung gelöst, sodass das Auto auf "Neutral" immerhin vor und zurück gerollt werden kann. Der Käufer hatte das Fuhrunternehmen nicht über die Schwierigkeiten informiert, damit es vor Ort gelöst werden muss. Just an diesem Tag wurde der Wagen natürlich davor und dahinter zugeparkt. Ich hätte kotzen können. Wir mussten den Wagen also irgendwie seitlich aus dieser Parklücke heraus bringen. Fast unmöglich. Und bei strömendem Regen. Es gibt nichts beschissneres. Zum Glück war der Fahrer aber cool und ich auch, sodass wir uns lautstark auf englisch unterhielten und die Welt verfluchten, ob dieser Aufgabe.

Ich war natürlich voll in meinem Element: in der schönsten Gegend Erfurts hält ein LKW aus Polen mitten auf der Pförtchenbrücke, lädt alle Autos ab (wo denn auch sonst) und versurcht fortan mit mir, über Umlenkrolle und allen anderen Dingen, wir haben über 3h gebraucht, mein Auto aus der Parklücke zu zerren. Nebenbei sahen wir völlig durchnässt aus wie Jintermänner mafiöser Strukturen und so weiter aber…
wir haben sogar irgendwann mit Wagenheber das Auto angehoben und die Reifen mit Scheibenflüssigkeit eingeschmiert, damit es besser rutscht. Das hat dann letztendlich auch funktioniert, wir haben die Karre aus der Parklücke gebracht, aufgeladen, umgeparkt, die anderen Autos wieder aufgeladen, mein Auto aufgeladen und gegen 23 Uhr waren wir auch schon fertig. ALTE SCHEISSE. Genau, ihr könnt die steigende Lust nachfühlen.

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Tja und dann war die Sache, die mich wochenlang begleitet hatte, endlich abgeschlossen. Den Wagen habe ich dann schnell noch nachts online abgemeldet, das Geld hatte ich schon erhalten und am Ende war ich froh, dass der Hobel endlich weg war. Ich will es nie wieder sehen!

Stay tuned for more tales of interest,
Bis bald.

Fußnoten


  1. Es ist ein Roadster, ein Roadster ist ein kompakter, offener zweisitziger Sportwagen ohne festes Dach (meiner hat aber ein Metallfaltdach) oder feststehende Seitenscheiben, der primär auf Fahrspaß, Agilität und ein puristisches Fahrerlebnis ausgelegt ist. 

  2. Eine Hommage an die Band Loikaemie aus Plauen (Link). 

  3. Schlösser zukünftig immer nur damit schmieren. 

  4. Ein bekannter Serienfehler beim Mercedes SLK R170 ist das klemmende Zündschloss, bei dem sich der Schlüssel nicht drehen lässt oder das Lenkradschloss einrastet. Ursache ist oft ein defekter Schließzylinder (ein gebrochener Bolzen) oder eine blockierte Lenkradsperre. 

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