Mein Friseur
Ich war mein Leben lang schon beim Friseur, außer vielleicht als kleiner Junge, als meine Haare durch meine Mutter geschnitten wurden. Aber sonst, also den Teil meines Lebens, den ich selbstbestimmt verlebte, da war ich beim Friseur. Und es war immer ein deutscher Friseur oder eine deutsche Friseurin. Ich hab mir an jedem Wohnort einen neuen Friseur gesucht! Ganz im Gegensatz zu Menschen, die lieber jedes mal in ihre alte Heimat zurück kommen um dort Friseur und Zahnarzt aufzusuchen. Das habe ich nicht getan. Ich habe mir also überall einen neuen Zahnarzt, Allgemeinarzt und eben Friseur gesucht.
Bis ich ca. Ende 2020 aufgrund von anderen Umständen plötzlich meinen bis dahin standardmäßig gelebten Rhythmus verlassen musste. Und so geschah es, dass ich noch eine kurze Weile bei meiner damals aktuellen Friseurin weilte, bis ich mich neu umsah. Und diesmal kam ich auf einen Araber. In meinem Umfeld hieß es damals oft, arabische Friseure hätten einen schlechten Ruf — rückblickend Unsinn, aber solche Sätze bleiben hängen. "Sie würden ihre Utensilien nicht genügend säubern", auch bräuchte man aufgrund politischer Umstände keinen Meister im Friseurhandwerk 1 mehr um einen Laden zu eröffnen usw. usf. - die Argumente gegen einen arabischen Friseurbesuch jedenfalls, sie waren mannigfaltig.
Und ich also, ein bisschen aus der Bahn geworfen, ein bisschen nach neuen Inhalten suchend, damals noch rauchend, der besuchte zum ersten mal einen sogenannten Barbershop. So heißen die arabischen Friseure, Barbiere, hier oft. 2 Und ich hatte ein bisschen Schiss. Ich bin eitel und ich fürchtete nur ungenügend kommunizieren zu können, was mein goldenes Haar denn so an Schnitttechnik bräuchte. Eigentlich würde ich es ja gern selber machen, denn nur dann wäre es richtig, aber ich bin eben einfach handwerklich unbegabt und auch an der Schere sicherlich ein Nichtskönner. (Außer ein mal, da habe ich meiner damaligen Freundin die Haare geschnitten und das Ergebnis war ganz passabel.) Also musste ich mich wohl oder übel in die Hände des jungen Barbiers begeben. Und da ging es auch schon los: Ich konnte zuvor nämlich gar keinen Termin ausmachen. Ich musste einfach hingehen. Mich 5 Minuten hinsetzen und vom nächsten freien Mitarbeitenden beschnitten werden.
Unfassbar so eine Situation, also für jemanden wie mich, der es hin und wieder schon unerreichbar findet, zu ganz normaler Tageszeit einkaufen zu gehen oder ein wichtiges Telefonat mit fremder Person 3 zu führen. Der hat auch Probleme mit dem Friseurbesuch!
Mir fielen solche Dinge einfach schon immer schwer. Aber bis dato, da habe ich am Ende des Besuchs einen neuen Termin vereinbart. Fünf oder sechs Wochen später war ich dann wieder dran und so ging das Jahr ein Jahr aus. Und jetzt war das plötzlich nicht mehr möglich. Einerseits war die Leitplanke der Termine weg, andererseits musste ich mich dieser kruden Nomenklatur auch nicht mehr unterjochen.
Es kam mir also zugute. Denn jemand, der wie ich kaum freihändig telefonieren kann, der versucht eine Woche lang jeden einzelnen Tag zum Friseur zu gehen und schafft das nicht. Und dann, eines Tages (vorher nicht absehbar), da rollt er mit dem Rad vorbei und plötzlich passen Sternenkonstellation, die Helligkeit der LED-Anzeige auf der vornüber prangenden Uhr und auch Das Ich zusammen (ich übertreibe aber ihr wisst was ich meine): und dann ist der Besuch beim Friseur einfach so möglich. Ohne weiterem Brimborium.
Anhalten, Fahrrad anschließen, Hallo rufen, kurz warten, dran kommen, wieder gehen. Völlig anonym. Einfach so. Großartig! Wie schlimm wäre es jetzt, wenn ich einen Termin gehabt hätte den ich unbedingt hätte einhalten müssen - weil man das so macht. Weil man Termine nicht einfach absagt, vor allem kurzfristig. Und GERADE kurzfristig weiß ich doch jetzt nicht, auch wenn es den ganzen Tag gepasst hat, ob ich in 8 Minuten wirklich zum Friseur gehen möchte. Aber zurück zum Barber. Ich musste etwas gegen die zuvor schon erwähnte Anonymität tun. Was mir sonst oft entgegen kommt, niemanden kennen und so auch niemandem verpflichten sein zu müssen, dass war mir hier zu fremd. Denn nachdem ich zwei mal nicht zufrieden war, fand ich plötzlich jemanden, der die nicht kommunizierte Idee meiner Friseur perfekt umsetzte. Wortlos. Und da kann ich dann nie wieder zu jemand anderem gehen, wenn das ein mal so gut geklappt hat. Gambling no no! Das versteht man doch, oder? Und so habe ich mich angefreundet und fortan war ich wohl der einzige in jenem Barbershop, der lieber 20 Minuten wartetete damit er zu seinem "Stammfriseur" konnte, als schnell und anonym beschnitten zu werden.
Und ich bin zufrieden damit, froh darüber.
Doch dann geschah etwas, eines Tages, zu Beginn diesen Jahres. Ich hielt wie immer am Friseur, sprang hinein und dann war Kollege nicht da. Der Chef erzählte mir, dass er nach über 10 Jahren plötzlich in eine Stadt im Ruhrpott gegangen wäre. Er habe dort wohl Familie und wolle sein Glück probieren. Er (der Chef) könne sich zwar nicht vorstellen dass das alles klappt und er fehle auch (der Kollege), aber so sah die aktuelle Situation einfach aus. Der Chef machte dann seinen Job aber für mich war alles anders als sonst und natürlich fühlte ich mich auch nicht wohl. Und das lag am Ende weniger an der Schneidekunst denn an mir selbst.
Und so ging das ein paar Monate, richtig zufrieden wurde ich nicht mehr. Letzte Woche wieder, ich hatte mir vorgenommen meinen Friseur zu besuchen, war wieder ein wenig stressig. Mal kamen Dinge dazwischen, mal ich mir selbst. Am Ende war ich nicht beim Friseur und eigentlich fühlte ich mich schon etwas unwohl. Aber dann, am Dienstag, da passte es. Die oben beschriebene Konstellation trat ein und ich machte halt. Am Eingang stand der Chef mit einem schwarzen Tee und begrüßte mich, meinte ich könne zu seinem Kollegen gehen. Ich entgegnete: "ich gehe zu dir, dich kenne ich". Und er so: "schau mal rein".
Und da begrüßte mich mein alter Friseur! Damit hatte ich nun überhaupt nicht gerechnet, konnte aber cool (acting cool) agieren, ihn begrüßen und überlegen, warum er offensichtlich aus dieser "Industriebrache" zurück ins Grüne Herz Deutschlands4 gekehrt war und freute mich über diesen Umstand. Auch er war sichtlich erfreut mich mal wieder zu sehen und so kamen wir ins plaudern wie man das so sagt, wenn man vier Sätze am Stück gewechselt hat.
Es hatte ihm dort einfach nicht gefallen. Er ist nicht angekommen und er hat sich nicht wohl gefühlt. Zu viel Industrie. Zu groß. Zu anstrengend.
Das sind exakt meine Beschreibungen wenn ich gefragt werde, warum ich mich hier wohl fühle. Groß genug und trotzdem klein genug. Anders als Leipzig. Aber besser als Jena. Es ist schwer zu beschreiben, aber ich fühlte ihn.
Und so ist eine gewisse Ruhe und Gelassenheit in mein Leben zurück gekehrt, die ich längst vergessen glaubte. Und ich mag mich auch wieder ein bisschen mehr. Le Frisur.
Fußnoten
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Auch hier habe ich keine Expertise, aber es wurde damals kolpotiert. ↩
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Und wahrscheinlich heißen auch viele deutsche Friseure Barber Shops. ↩
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Aber auch mit nicht fremder Person, dann habe ich nämlich einfach keine Lust auf ein scheiß Telefonat. ↩
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Thüringen wird aufgrund seiner zentralen Lage und ausgedehnten Waldgebiete, wie dem Thüringer Wald, als „Grünes Herz Deutschlands“ bezeichnet. Der Begriff geht auf den Schriftsteller August Trinius um 1897 zurück und wird heute als touristische Dachmarke für Natur, Kultur und Vielfalt genutzt. ↩