Was?
Er schaffte es ja nicht mal, auf einen anderen Browser umzusteigen - wie sollte er dann sein Leben umsteigen? Das waren Gedanken aus seinem Portfolio zur Nacht, die er immer mal durchstöberte. Wenn der Sicherlmond hoch am Himmel stand und er sich seiner selbst gewahr wurde. Andere schafften das mit Alkohol, tauchten in eine Art Alhokol-Melancholie, aber er, er musste nur mal in den tiefblauen Frühsommerabendhimmel blicken, um das Leben ganzer Generationen, um das Leben an sich in Frage zu stellen.

Ich meine, in der heutigen Zeit, wer wollte ihm das auch ernsthaft verdenken? Es gab da diese Weltordnung die aus dem Ruder war. Aus den Fugen. Es gab diesen Kanzler, der aus dem Ruder war. Es gab da diese progressiven Rechten die aus dem Ruder waren. Ihr neuester Clou: sie wollten die Schulpflicht abschaffen. Damit Biodeutsche, die das eben gern wollen, die Möglichkeit erhalten, ihre Kinder auch züchtig zu Hause beschulen zu können. Gleichzeitig wird aber das aktuelle UNICEF-Ranking
zum Kindeswohl 1 veröffentlicht in welchem Deutschland weit abgeschlagen auf Platz 25 liegt.
Und man kann sich an 5 Fingern abzählen, dass Heimbeschulung nicht zur Integrität und Entwicklung von Kindern führt, sondern Teilhabe an der Welt.
Wer konnte es unserem Protagonisten also verdenken, bei all diesen Dingen, vor allem bei den ganz aktuellen, nicht zu verzweifeln – erst recht bei diesem blauen Mond.
Vielleicht war es auch genau diese Mischung aus kosmischer Gleichgültigkeit und deutschem Nachrichtenzyklus, die ihn nachts wach hielt. Der Mond hing dort oben, still und unbeeindruckt, während unten Menschen in Talkshows mit ernster Stimme darüber diskutierten, ob Empathie nun linke Ideologie oder einfach nur menschlicher Mindeststandard sei. Und irgendwo zwischen all den Meldungen, den Debatten und den neuen kulturkämpferischen Empörungen saß er auf seinem Balkon und fragte sich, wann eigentlich alle beschlossen hatten, verrückt zu werden. Vielleicht schleichend. Vielleicht während irgendeiner Fußball-WM. Vielleicht schon viel früher.
Diese WM, das war auch total verrückt, die war überhaupt nicht zu spüren. Sie ging in drei Wochen schon los. In den USA. Aber niemand wusste davon. Sonst gab es immer eine Euphorie, eine Fussball-WM startete. Aber diesmal? Hätte er es nicht im Boulevard-TV gesehen, er hätte es gar nicht mitbekommen. Dabei gilt doch immer schon: Brot und Spiele. Jetzt nur noch Kampf.
Er dachte oft daran, dass Gesellschaften wahrscheinlich nicht mit einem großen Knall zerfallen, sondern mit tausend kleinen Gleichgültigkeiten. Mit Eltern, die ihre Kinder nicht mehr verstehen wollen. Mit Politikern, die lieber provozieren als gestalten. Mit Menschen, die sich so sehr nach einfachen Antworten sehnen, dass sie bereitwillig jede Komplexität aus ihrem Leben verbannen. Und während über ihm dieser übertrieben schöne Himmel in tiefem Blau langsam dunkler wurde, erschien ihm die Menschheit wie ein Kind, das stolz dabei zusieht, wie es sein eigenes Spielzeug kaputtmacht.
Und so blieb er dort sitzen, unter diesem seltsam sichelichen Mond des Frühsommers 2026, zwischen Müdigkeit und Nachdenklichkeit. Er wusste nicht, ob die Welt besser wurde oder nur schneller. Er wusste nicht, ob Menschen jemals vernünftig werden würden. Oder überhaupt mal waren? Aber der Mond stand einfach weiter am Himmel, als hätte all das niemals irgendeinen Unterschied gemacht.